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Nordseeradwanderweg Teil Edinburg - London

Wir, Waltraut (53) und Joachim (56), wollten in Großbritannien den Nordseerad- wanderweg befahren. Es ist nicht ganz so einfach, Planungen hier von Deutschland aus durchzuführen, wenn aber Sohn (Alexander) und Schwiegertochter (Fatima) in London leben, hat man eine logistische Basis, die viele Dinge vereinfacht, z.B.:
- Zugbuchung weit im voraus und dementsprechend preisgünstig,
- Einkauf von Kartenmaterial und
- B&B (Bed & Breakfast) Führer übers Internet und
- Vorauszahlungen bzw. Abbuchungen als Sicherheitsleistung für die Unterkunft.
Aufgrund der Erfahrungen unseres Sohnes anlässlich einer Wandertour in Cornwall war Vorabbuchung unerlässlich, da in einsameren Gegenden die Unterkünfte doch recht dünn gesät sind, die Küste in den Sommerferien praktisch ausgebucht ist und wir (altersgemäß) auf fester Unterkunft mit Dusche und WC bestehen. Die Fahrt nach London haben wir mit dem Auto hinter uns gebracht, die Räder im Auto verladen. Und dann ging es los!

1. Tag, 16.07.06

London – Edinburgh – Innerleithen

Der Tag beginnt mit einer schicken „Fast-Katastrophe“. Da die 1. U-Bahn um 07:32 Uhr in Kew Garden Station abfährt, sind wir überpünktlich bereits um 07:15 Uhr da. Als dann um 07:40 noch immer keine erschienen ist, ruft Alexander bei der Gesellschaft an und erfährt, dass die erste Bahn um 07:32 gefahren ist und wir dann eben zu spät gewesen sind.......? Als der erste Zug dann um 07:50 Uhr ankommt, sind aus den 30 Minuten zum Umsteigen in Kings Cross Station noch 12 Minuten geworden. Durch Bauarbeiten auf der Strecke sackt sich der Zug aber weitere 10 Minuten auf, sodass das Umsteigen praktisch erledigt ist und wir uns mit dem Gedanken an einen späteren Zug mit den damit verbundenen Folgen - Verlust des enorm hohen Frühbucherrabatts, keine reservierten Plätze, Ankunft in Edinburgh um 15:00 Uhr und von da aus noch 62 km zu radeln - vertraut machen müssen. Dann aber ist eine Station geschlossen und wir holen ein paar Minuten auf, jetzt ist Eile geboten. Alexander das eine Rad unter dem Arm, Waltraut und ich das andere Rad, so „fliegen“ wir durch Kings Cross, der Lift war uns zu langsam. Schaffner gefunden, Rad in den abfahrbereiten Zug, kaum Zeit, um Tschüss zu sagen, den richtigen Wagen und Sitzplatz gefunden und schon fährt der Zug ab. Geschafft, in vielerlei Hinsicht. Unterwegs haben wir uns in der ersten Wagenklasse (bei der Frühbuchung billiger als die 2. Klasse!!), verwöhnt mit Kaffee, Mineralwasser – beides kostenloser Service – und Sandwiches die Gegend angesehen, die wir dann in einigen Tagen durchfahren werden. Unsere Meinung ist, da gibt es nichts, was wir in Bezug auf Berge und Hügel zu fürchten haben. Auf den Teil kommen wir dann später zu sprechen!!!! Bis Edinburgh hat sich der Zug dann um 20 Minuten verspätet, so dass wir auf Stadt und Schlossbesichtigung verzichten müssen, schließlich wartet noch etwas „Arbeit“ auf uns. Edinburgh verlassen wir auf gut ausgeschilderten Radwegen, weitab von Straßen und die Kreuzungen mit Hauptstraßen sind alle mit Ampeln versehen. Die Cycle Route No 1 wird in den 2 Wochen unser fast ständiger Begleiter sein. Wir treten ordentlich ´rein, denn die Moorfoot Hills mit 400 m Höhenunterschied liegen ja noch vor uns.
 

Was wir nicht wussten und zu unserem Leidwesen nun erfahren, ist, dass wir ständig bergauf oder bergab fahren. Was auf der Landkarte ziemlich flach und eben aussieht, erweist sich in der Praxis als ein ständiges bergauf und bergab, für uns als Schleswig-Holsteiner doch sehr gewöhnungsbedürftig. Dabei steigen wir langsam bergauf und sehen jetzt die Moorfoot Hills näher kommen. Es ist sehr heiß und wir brauchen jede Menge Wasser, leider ist der Blick auf das hinter uns liegende Edinburgh durch den aufkommenden Dunst sehr getrübt. Und nun wird es richtig heftig. Der Anstieg beginnt. Wir versuchen, langsam aber stetig zu fahren, das hilft zwar, aber Hitze und die Tatsache, dass uns bald das Wasser ausgeht, machen uns kräftig zu schaffen. Hinzu kommt, dass der Wind aus südlicher Richtung nicht gerade hilfreich ist. Aber schließlich ist es doch geschafft. Waltraut kämpft sich die letzten Meter hoch und dann geht es in das „Grenzland“ . Die Abfahrt ist sehr steil und dann geht es wieder bergauf. Wir haben ein bisschen Mühe, uns zu motivieren, Gegenwind, ziemlich kaputt, unter Zeitdruck und unseren letzten Tropfen Wasser haben wir auch getrunken. Aber dann folgt der Lohn: mehr als 10 km lang die letzte Abfahrt nach Innerleithen. Unterkunft im Caddon View Hotel, excellent eingerichtet und das englische Frühstück am nächsten Morgen ist Klasse. Für das Abendessen suchen wir einen Pub auf, nicht berühmt aber wir werden satt. Und dann ist Erholung und Schlaf angesagt.

2. Tag, 17.07.06

Innerleithen – Berwick-Upon-Tweed

Wir wissen, dass die Distanz heute sehr lang wird, aber nach der gestrigen „Bergetappe“ erwarten wir heute kaum Anstiege, also sollte das kein Problem darstellen. Aber wie sieht so eine „Flachetappe“ in Schottland bzw. England aus? Hügel ´rauf, Hügel ´runter, kaum mal geradeaus und die Anstiege überschreiten oft die 10 %, die wir so als äußerste fahrbare Grenze für uns empfunden haben. Also heißt es des öfteren: absteigen und schieben. Ausnahmsweise hilft uns der Wind aus Südwesten. Wir bewundern die Orte mit den Häusern, die oft festungsähnlichen Charakter haben. Es heißt ja nicht umsonst: My home is my castle.


Beeindruckend auch die Hügel mit überwiegend kargem Bewuchs. Unterwegs treffen wir ein Ehepaar aus Holland, das schon fast den gesamten Nordsee-Radwanderweg gefahren ist. Man tauscht sich aus, erzählt von seinen Erfahrungen und wünscht sich viel Glück auf der weiteren Tour. Die beiden wollen nach Inverness, also nach Norden, dann haben sie den Weg um die Nordsee herum fast geschafft. Sie haben in Etappen fünf Jahre dazu gebraucht. Das Wetter ist gnadenlos warm, wenig Schatten und wir sind froh, dass wir Sonnenschutzcreme mit dem LSF 30 dabei haben. Nachdem wir neue Methoden des Verstauens gefunden haben, schleppen wir nun ständig 4-5 ltr Wasser mit, die brauchen wir aber auch. Waltraut befürchtet, dass wir morgen erst einmal einen Arzt aufsuchen müssen, um Antibiotika zu erhalten. Nach 99 km erfreue ich Waltraut mit der berühmten guten und der schlechten Nachricht, Hays Farm ist nur noch einen km entfernt, aber dafür auf dem neben uns aufragenden hohen Hügel, sodass wir die letzten 500 m noch kräftig schieben müssen. Der Empfang ist überaus freundlich und Tina, die Dame des Hauses, bekocht uns mit einer phantastischen Hähnchenbrust mit Nudeln und Cremesauce, und als ich auch noch 2 Flaschen Budweiser zum Abendessen serviert bekomme, ist wirklich alles perfekt.

3. Tag, 18.07.06

Berwick-Upon-Tweed – Craster

Tina ruft nach dem ausgezeichneten Frühstück beim Ärztezentrum in Whooler an, macht einen Termin für uns aus und gibt uns die entsprechende Wegebeschreibung. So fahren wir erst einmal in die "falsche" Richtung, das wollen wir aber später durch eine Abkürzung kompensieren. Beim Ärztezentrum müssen wir lange warten, aber als wir der Ärztin das Problem geschildert hatten, schrieb sie ein Rezept aus und 5 Minuten später hatten wir die benötigten Antibiotika. Der Arztbesuch war übrigens kostenlos. Dank an dieser Stelle dem National Health Service! Danach machen wir uns auf den Weg zur Küste, „flach und eben“ wie man auf dem Bild oben links unschwer erkennen kann.

 

 

Aber nach einigen harten 10 Meilen erreichen wir die Küste bei Bamburgh Castle, die Route, die wir gewählt haben, Coast and Castles, macht ihrem Namen alle Ehre. Der Weg führt nun durch die Dünen in Richtung Süden, keine Rede mehr von steilen Hügeln, bis der Weg in Schotter übergeht. Also kommt die Alternativstrecke zum Tragen, leider auf Straßen, aber der Dünenweg war nur für Mountain-Biker passierbar. Mit 15 kg Gepäck ist das einfach nicht zu machen. Die Nähe zur Küste verschafft uns nicht nur abkühlenden Wind, sondern auch herrliche Ausblicke auf vorgelagerte Inseln und diverse Burgen in unterschiedlichem Erhaltungszustand. Nach "nur" 66 km erreichen wir den Cottage Inn in Craster, ein kleines Dörfchen mit malerischem Hafen. In Anbetracht des Tages mit „Ausruhcharakter“ wandern wir noch die 1,5 km zum Hafen, gönnen uns im Pub ein Mineralwasser und bewundern die z.T. üppige Blumenpracht in den Vorgärten.

4. Tag, 19.07.06

Craster – South Shields

Zu unserer Überraschung ist es morgens nebelig und die Wirtin erklärt uns, dass der Nebel tiedenabhängig ist und sich wohl am späten Vormittag verziehen wird. Wir freuen uns jedenfalls darüber, denn es ist angenehm kühl. Leider gibt es das Frühstück sehr spät, sodass wir erst gegen 09:30 in die Gänge kommen. Wir wollen uns ein kleines Stück ersparen und fahren auf der Hauptstraße weiter, merken jedoch bald, dass der Verkehr einfach zu stark ist und kehren „reumütig“ zur Cycle Route No 1 zurück. Damit wir auch richtig warm werden, folgt eine Steigung von 0 auf 140 m.

 

Coast und Castles macht seinem Namen wieder alle Ehre. Ein kleines Stück ist für uns wieder ungeeignet, zusätzlich sind ein paar Hindernisse eingebaut, die auf Fahrradwegen eigentlich nichts zu suchen haben (siehe Bild rechts oben). Dafür werden wir anschließend mit einem Dünenweg a la Holland belohnt. Einige km vor Tynemouth überholt uns ein Fahrradfahrer, bleibt neben mir und wir unterhalten uns über das Woher und Wohin. Ein Amerikaner, der mit dem Fahrrad vor 3 Monaten in Portugal begonnen hat, durch Spanien und Frankreich gefahren ist, mit der Fähre nach Nordengland übergesetzt hat und jetzt von Newcastle aus nach Holland möchte und dessen Endziel München ist. Einer von der harten Sorte, Übernachtung im Zelt und seit 3 Monaten allein unterwegs. Nachdem wir bestimmt 15 Minuten nebeneinander hergefahren sind, trennen sich unsere Wege, wir wollen mit der Fähre nach South Shields übersetzen, er will zur Fähre nach Newcastle und ggf. auf einem Campingplatz übernachten. Solche Leute trifft man auch nicht alle Tage. In South Shields finden wir unsere Unterkunft nach insgesamt 88 km recht schnell, die Empfehlung der Wirtin für´s Abendessen ist das Prezzo, ein italienisches Lokal und allererste Klasse.

5. Tag, 20.07.06

South Shields - Middlesbrough

Das Frühstück bereitet der „Herr des Hauses“ höchstpersönlich zu, und dann geht es wieder auf Dünenwegen in Richtung Sunderland. Hier, direkt an der Küste, lässt es sich angenehm fahren. Fahrradweg neben der Straße und nur ein leichtes auf und ab. Wir entdecken eine Insel mit hunderten von Kormoranen. In Sunderland wollen wir auf eine Bahnlinie einbiegen, die uns nach Haswell führen soll, der Einstieg erweist sich aber als nicht so einfach. Die zuvor gezeigte Konstruktion verhindert zwar, dass größere Motorräder, Autos und was sonst noch Zugang erhalten, ist aber auch für Fahrräder – insbesondere wenn man 15 kg Gepäck mit sich führt – völlig ungeeignet. Eine Gruppe Radfahrer, die gerade Pause macht, hilft uns weiter und schildert uns eine Einstiegsmöglichkeit. Auf dem Weg dorthin müssen wir wohl Fragezeichen in den Gesichtern gehabt haben, denn prompt fragen uns Anwohner: "Are you lost?" Die Beschreibungen führen uns dann zu einem vernünftigen Einstieg auf die Bahnlinie und dann geht es los.


 


 

Der Vorteil ehemaliger Bahnlinien liegt darin, dass sie kreuzungsfrei in sanften An- und Abstiegen verlaufen, ein schönes Fahren, wenn nicht immer wieder diese Hindernisse aufgebaut wären. Den Hinweis eines Radfahrers „They are all over this country“ können wir bestätigen. Zum Glück sind die meisten immerhin so breit, dass wir mit ein wenig Schräglage durchkommen.
In der Gegend von Haswell wird der Weg etwas schwieriger, eher ein Trampelpfad mit lückenhafter Ausschilderung, aber das wird bald wieder besser. Englische Parklandschaft mit gepflegten Wiesen, alten Baumbeständen und Hecken als Windschutz, eine eigens für Radfahrer und Fußgänger errichtete Brücke und am Ende eine ehemalige Bahnstation mit Teestube, die förmlich zum Verweilen bei Kaffee und Kuchen einlädt. Im Stadtgebiet von Stockton und Middlesbrough haben wir zuerst einige Orientierungsschwierigkeiten, aber mit Hilfe eines Anrufs bei Jana, der tschechischen Angestellten im Grey House Hotel, finden wir uns dann zurecht. Jana kann gar nicht aufhören, unsere mittlerweile doch recht intensive Sonnenbräune zu bewundern. Zum Abendessen sind wir in einem richtig schönen Pub, Chicken Salad und Steak Pie bauen uns nach 90 km wieder auf.

6. Tag, 21.07.06

Middlesbrough – York

Heute wird ein harter Tag. Das North Yorkshire Moor liegt vor uns, nicht etwa flache Moore wie in Schleswig-Holstein, sondern wunderschöne Hochmoore, viele Meter Höhendifferenz und dabei haben wir auch noch 108 km vor uns. Die ersten 25 km sind noch so richtig zum warm werden. Schöne Vorgärten mit Hausgeistern und Blumen, viele freundliche und hilfsbereite Menschen begegnen uns. Hält man vor dem Dorfladen, wird man bestimmt angesprochen, wo kommt Ihr her, wo geht es hin und die Fahrräder erregen auch so manches Aufsehen.

 

Wir werden häufig gefragt, ob da ein elektrischer Antrieb drin ist, versichern aber allen: „We are the engine“. In Swainby füllen wir unsere Trinkvorräte auf und dann geht es in die Berge. Zum Anfang mal lockere 20 % Steigung, so dass wir schon beim Schieben außer Atem sind. Es dauert doch einige Zeit, bis wir das Osmotherly Moor erreicht haben, aber die eindrucksvolle Landschaft und eine schöne Abfahrt entschädigen uns für die Mühen der vergangenen halben Stunde.

 

Wenn wir aber geglaubt hatten, jetzt sei das schlimmste überstanden, so lagen wir total daneben. Die folgenden 50 km waren ein ständiges bergauf und bergab, auch wenn wir uns für die „low level option“ entschieden hatten. Ein kleiner Lunch in Felixkirk im Carpenter Arms und die Aussicht, bald in Easingwold den bergigen Teil überwunden zu haben, richtet uns etwas auf. Zur Linken entdecken wir dann das „Weiße Pferd“ aus Kalksandstein, welches wir bei unserer Bahnfahrt schon bewundert haben. Ab Easingwold wird es dann aber zur Flachetappe und wir erholen uns etwas. Angekommen in York lassen wir die Kathedrale erst einmal links liegen, suchen unser Quartier, das Ascot House, und erholen uns im naheliegenden Pub bei einem 12 oz Steak (350g) für mich und einem ausgezeichneten homemade Steak Pie für Waltraut. Und dann wird es wirklich Zeit für´s Bett, die 108 km haben uns total geschafft.

7. Tag, 22.07.06

York- Hull

In der Nacht werden wir um 02:00 Uhr durch ein heftiges Gewitter geweckt. Schön, dass wir tagsüber davon verschont geblieben sind, und natürlich ein bisschen Hoffnung, dass es morgen etwas kühler wird. Das Frühstück im Ascot House ist mit Abstand das Beste, was wir auf der bisherigen Tour erlebt haben. Und jetzt zur Kathedrale.

                                   

Es ist die größte gotische Kirche Nordeuropas, zwar nicht so hoch wie der Kölner Dom, aber vermutlich mit größerer Grundfläche. Ein beeindruckendes Bauwerk, phantastische Fenster mit dem größten Kirchenfenster der Welt an der Ostseite der Ladies Chapel, welches die Ausmaße eines Tennisplatzes überschreitet. Die 10 ₤ Eintritt sind wirklich gut angelegt. Beim Gang durch die Altstadt viele schöne alte Häuser, Stücke der ehemaligen Stadtmauer und die Feststellung: York ist eine eingehendere Besichtigung wert gewesen. Dann geht es wieder auf eine ehemalige Bahnstrecke, jetzt mit geteertem Untergrund, also wirklich vom Feinsten. In der ersten Stunde legen wir mehr als 20 km zurück. Aus dem Tal der Ouse geht es dann ins Tal des Humber.

 

Ruhige Flusslandschaft, viele hier ansässige Wildgänse und viel Ruhe abseits von größeren Straßen. Das Bemühen von Sustrans (Radfahrerkarten) wird deutlich, verkehrsreiche Straßen wo immer es geht zu vermeiden. Ein kurzer Regenschauer lässt uns 5 Minuten unter einem Baum Schutz suchen, dann strahlt wieder die Sonne. Wir treffen einen Radfahrer aus Newcastle, der uns eine zeitlang begleitet. Er hat den Nordseeradwanderweg schon komplett hinter sich und schildert die norwegische Berglandschaft so "eindrucksvoll", dass wir diesen Teil bei unserem Bestreben, die Nordsee zu umrunden, vermutlich auslassen werden. Kurz vor Erreichen des heutigen Etappenzieles noch mal ein kräftiger Anstieg, da es aber mittlerweile kurz davor ist zu regnen, beflügelt uns dies so, dass wir das Hotel Elizabeth Hull nach insgesamt 86 km bald erreichen. Wenn man dann auf dem Bett liegt und sich erholt, stört einen das Gewitter so gar nicht. Unser „Bergfest“ feiern wir mit einem excellenten Dinner mit Wein und Bier. Die Fahrräder werden übrigens im Bierkeller untergestellt, gut durchgekühlt für den nächsten heißen Tag.

8. Tag, 23.07.06

Hull – Lincoln

Der Tag startet wieder mit Nebel, dabei ist es aber ziemlich windstill und man hat schon die Ahnung, dass es auch am 8. Tag traumhaftes Wetter geben wird. Gut dass wir die Humber Bridge gestern photographiert haben, heute würde eine Panoramaaufnahme nichts werden, da der Nebel zu dicht ist. Die Humber Bridge ist mehr als 3 km lang, aufgrund der Erdkrümmung und des darauf lastenden Zuges sollen die Spitzen der beiden hoch aufragenden Türme oben 4 m weiter auseinander sein als unten. An der Rampenauffahrt haben wir Probleme, da die Zufahrt wie eine Achterbahn mit Abzweigungen verläuft. Prompt hält auch wieder ein Radfahrer, fragt nach unserem Problem und bietet uns an, hinter ihm herzufahren. Er ist der Führer einer großen Radfahrergruppe, die einen Sonntagsausflug macht. Er selbst hat unmittelbar vor der eigentlichen Auffahrt einen Sammelpunkt für seine Gruppe eingerichtet. Bei der Überquerung wird die Ähnlichkeit mit der Golden Gate wieder deutlich. Unmittelbar nach Abfahrt von der Brücke passieren wir wieder einen der phantastischen Vorgärten und fragen den Besitzer, ob er gegen eine Photographie etwas einzuwenden hätte. Natürlich nicht und schon ist man wieder im Gespräch.

 

Allerdings hat er Mühe zu begreifen, dass wir nicht den Weg über die Schnellstraße sondern die Cycle Route No 1 nehmen wollen, für ihn ist das die falsche Richtung. Kurz danach überholt uns die Radfahrergruppe, deren Führer wir schon kennen gelernt haben. Da sie nur geringfügig schneller sind als wir, bleiben wir etwas zusammen, einer hilft Waltraut am Berg etwas durch Anschieben „Don´t tell your husband“, höre ich von hinten. Es folgt ein leichtes auf und ab mit Höhen bis zu 150 m und dann geraten wir in ein richtiges Radrennen. Es fängt an mit einer entsprechenden Streckenauszeichnung und dann kommen uns als erstes zwei kleinere Gruppen entgegen. Die dann folgenden Teile des Hauptfeldes werden durch Fahrzeuge mit gelbem Rundumlicht begleitet und es ist schon eindrucksvoll, wenn die einem mit vermutlich mehr als 60 km/h den Anstieg herunter entgegenkommen. Kurz danach überholt uns ein Radfahrer und weist uns daraufhin, dass wir im letzten Ort ein Schild übersehen haben und deshalb in die falsche Richtung fahren. Zum Glück erwischt er uns, bevor wir einen hohen Hügel herunterfahren wollen, den hätten wir wieder hoch fahren müssen. Aber auch so wird der Tag noch schwer genug. In Market Rasen müssen wir uns kurz unterstellen, da wir 10 Minuten Regen bekommen. Danach wechselt das Wetter aber endgültig auf Sonnenschein, und nach 101 km erreichen wir das Loudor Hotel, etwas außerhalb von Lincoln gelegen.

9. Tag, 24.07.06

Lincoln – Boston

Ein Tag zum “Ausruhen“, der für mich nicht so gut anfängt. Ich schaue auf meine Uhr, es ist 06:20 Uhr, ich stehe schon mal auf und schmeiße mir das erste kalte Wasser ins Gesicht. Danach fällt mir dann ein, dass meine Uhr ja 1 Stunde vor geht (toll, so eine Funkuhr..), es erst 05:20 Uhr ist und wir noch 1:40 Std Zeit bis zum Frühstück haben. Da bin ich aber auch schon so richtig wach. Obendrein gibt es heute ausnahmsweise kein englisches Frühstück und mit Marmelade und Toast habe ich sowieso meine Probleme. Waltraut lacht sich später halb krank. Wir fahren nach Lincoln hinein und bewundern die Kathedrale sowie die schöne Altstadt. Beim Anblick der Kathedrale fällt mir, genau wie in York, Ken Folletts Roman „Die Säulen der Erde“ ein. Genau das sind wohl die Bauwerke, die in dieser Zeit entstanden sind.

 

Und dann geht es weiter. Da wir heute nur 76 km vor uns haben, lassen wir uns viel Zeit, bewundern Häuser und Vorgärten und genießen vor allem den Mittelteil der heutigen Strecke den Flusslauf des Witham, ein traumhaft schönes Flüsschen durch entwässerte Marschenlandschaft mit sehr vielen Graugänsen, Schwänen, Haubentauchern und Blesshühnern. Der Lunch fällt heute aus, denn der einzige Pub, den wir gegen Mittag finden, ist wirklich zu schlecht. Nachmittags sind wir dann so früh im Hotel, dass es sogar für einen verspäteten Mittagsschlaf reicht, das können wir auch mal ganz gut gebrauchen. Zum Abendessen müssen wir nicht so weit, das gibt es im Hotel.

10.Tag 25.07.06

Boston – King´s Lynn

Ich habe mal wieder mein ganz besonderes Nachterlebnis. Gegen 04:00 Uhr klopft es an unserer Tür. Verschlafen und müde öffne ich, eine ältere Dame steht vor mir und fragt, ob hier Zimmer Nr. 49 sei. Nein, hier ist 104 und schließe die Tür. Als es kurz darauf wieder klopft, bin ich mittlerweile richtig wach, sehe nach und dieselbe Dame weiß immer noch nicht, wo sie wohnt. Sie macht auch einen etwas verwirrten Eindruck. Also ab zur Rezeption, der Diensthabende kommt mit der großen Hotelliste und wir finden heraus, dass die Dame auf Zimmer 102 wohnt. Aber mit der schönen Nachtruhe ist es erst einmal vorbei, bis zum Frühstück wird gelesen. Nach dem Frühstück dann ein Tag in der englischen Marsch. Rot- und Weißkohl, Sellerie, Möhren und Weizen, man kommt sich vor wie in Ditmarschen.

 

Beim Einkauf im Village Store werden wir - wie fast immer - in Gespräche verwickelt über das woher und wohin, man wünscht uns viel Glück und noch eine gute Fahrt. Die Frage nach dem Elektromotor taucht auch wieder auf, wir haben immer noch keinen. Obwohl wir recht früh im B&B Fairlight Lodge ankommen, haben wir 98 km hinter uns. Da sieht, man, was eine Flachetappe ausmacht, „zum Glück“ sind morgen wieder Hügel angesagt.

11. Tag 26.07.06

King´s Lynn - Norwich

Ein Radfahrer übermittelt uns die frohe Botschaft, dass am Nachmittag mit „Thunderstorm“, also Gewitter zu rechnen ist. Daraufhin beschließen wir, von der vorgesehenen Route etwas abzuweichen um die Tagesleistung, die mit 120 km doch etwas heftig bemessen ist, um ein paar km zu verkürzen. Vielleicht kommen wir ja doch vor dem Gewitter an. Unser Tempo hält uns aber nicht davon ab, den mehr als 700 Jahre alten Ort Reepham zu bewundern, der immerhin seit dem Jahre 1270 das Marktrecht hat.

 

Außerdem gibt es immer wieder wunderschöne Vorgärten zu bewundern, die muss man sich einfach ansehen. Am Nachmittag wird es dann rechts vor uns so dunkel, dass wir schon immer wieder nach Ortschaften Ausschau halten, um uns ggf. unterzustellen. Gleichzeitig ist es immer erstaunlich, wie hoch die Durchschnittsgeschwindigkeit wird, wenn man versucht, einem Gewitter davonzufahren. Und wir schaffen es! Noch mal ein kurzer und sehr steiler Anstieg, eine langgezogene Abfahrt und wir sind nach 107 km im "Des Amis Guest House". Daran ändern auch die kleinen Hindernisse, die dafür sorgen, dass nicht jeder Fahrradfahrer den Radwanderweg problemlos nutzen kann, nichts. Pünktlich 5 Minuten nach Ankunft bricht eine Serie von insgesamt 6 oder 7 Gewittern mit wolkenbruchartigem Regen los. Wenn man im Trockenen sitzt und sein Tagespensum heruntergeradelt hat, stört es herzlich wenig. Zum Abendessen gönnen wir uns ein kreolisch/französisches Galadinner mit karibischem Bier (Der karibische Inhaber bezeichnete es als „ortsansässiges Bier“, so hat halt jeder seine eigenen Vorstellungen davon, was ortsansässig ist). Der Geschmack war aber in Ordnung und Waltraut hatte einen ausgezeichneten Wein. Wir fallen rundum gesättigt ins Bett.

12. Tag 27.07.06

Norwich - Saxmundham

Die gestrige Hoffnung auf Abkühlung erweist sich als trügerisch. Bei Abfahrt um 08:45 ist es schon ziemlich warm und für heute sind auch wieder zahlreiche Hügel angesagt. Die im Verhältnis zur Stadt recht große Kathedrale von Norwich bewundern wir nur von außen beim Bummel durch die Altstadt. Gegen 10:00 Uhr ist es schon sehr heiß und die Weizenfelder erscheinen uns unendlich. Pünktlich nach 18 gefahrenen km steigen wir ab und stoßen mit warmem Mineralwasser auf 1000 gefahrene km an. Darüber hinaus spendiert Waltraut noch ein Bonbon, das gleicht einem richtigen Fest. Den Rest sollten wir wohl auch noch schaffen. Kurz danach landen wir in einer Gegend, in der Schweine gezüchtet werden.

 

Abgesehen davon, dass wir die Tiere mit „Good morning, bacon“ begrüßen, erscheinen uns die Flächen wie aufgelockerte Dörfer. Bald verlassen wir das Flusstal der Yare, die bei Great Yarmouth in die Nordsee mündet. Mittagessen gibt es in Beccles, Picknick unter einer großen Eiche mit Brötchen, Schweinebraten und Käse. Wir haben es uns abgewöhnt, warme Mittagsmahlzeiten zu uns zu nehmen, man benötigt danach immer so lange Anlaufphasen, bis man wieder in Schwung kommt. Und Schwung brauchen wir heute noch jede Menge, die Hügel sind heute besonders knackig. Unser Ziel für heute ist die Honey Pott Lounge, zumindest nach unseren Unterlagen die teuerste Unterkunft mit 120 ₤. Zum Glück wird sich das am nächsten Morgen als Fehlinformation erweisen, mit 60 ₤ hält sich der Preis durchaus im Rahmen. Wir werden sehr freundlich empfangen, denn als wir nach einer Möglichkeit für´s Abendessen fragen, wird uns unser Verdacht bestätigt, dass es in der Umgebung nichts gibt. Kein Problem, „We will feed you“ ist die Einladung zu Hähnchenbrust mit Beilagen. Anschließend lösen der Gastgeber und ich bei einigen Bierchen bis tief in die Nacht hinein nahezu alle Probleme dieser Welt.

13. Tag 28.07.06

Saxmundham - Manningtree

Mit dem Frühstück lassen wir uns so richtig Zeit, schließlich haben wir heute „nur“ so etwa 55 km vor uns. Gegen Mittag sind wir dann an der Küste in Orford, bewundern Kirche, Castle und Gasthof, fahren dann aber doch recht zügig Richtung Fähre über ein kleines Flüsschen ohne Bezeichnung. Der Weg wird schlecht, wir müssen schieben und am Zaun mit Treppe sind wir dann am Ende angekommen. Auf einem kleinen Hinweisschild lesen wir, dass die Fähre nur am Wochenende verkehrt. Herzlichen Glückwunsch, heute ist Freitag.

 

Also zurück nach Orford, Mittagspause mit Capucchino und Eis, neuen Weg ohne weitere Fähren ausgesucht und dann ab über Woodbridge und Fakenham in Richtung Felixstowe. Als wir dort ankommen, haben wir statt der geplanten 35 bereits 66 km gefahren, und es liegt noch ein bisschen vor uns. Wir erreichen die Fähre pünktlich 2 Minuten zu spät, sehen das kleine Boot noch ca. 50 m vom Ufer entfernt und müssen 1 Stunde warten. Es scheint heute nicht unser Tag zu sein. Die Wartezeit wird uns durch ein deutsches Paar verkürzt, welches den entgegengesetzten Weg nehmen will und von Dover aus schon 300 km unterwegs ist. Wir tauschen Erfahrungen aus, helfen ihnen mit Karten von Hull bis Edinburgh aus und klönen über die Probleme und Freuden des Radfahrens. Die beiden machen ihre erste große Tour und haben sich nicht so richtig darauf vorbereitet. Insofern haben sie alle die Probleme in den letzten Tagen gehabt, die Alexander und ich bei unserer ersten großen Tour 1991 hatten. Wir wünschen uns gegenseitig „Gute Fahrt“ und dann geht es ab auf die Fähre.

 

Ein kleines Boot, für 12 Personen zugelassen und mal gerade Platz für 6 Fahrräder. Als wir den Hafen in Richtung Harwich überqueren, machen ihm die Wellen doch recht heftig zu schaffen. Zum Glück sind Waltraut und ich ziemlich seefest. Schön, dass wir fast zum Ende unserer Tour wieder auf der Cycle Route No 1 sind, so ist das Boot nämlich gekennzeichnet. In Harwich heißt es erst einmal, die Räder eine schöne lange Treppe hoch wuchten, dann geht es mit Rückenwindunterstützung weiter und wir erreichen unser B&B gegen 19:00 Uhr nach 90 anstatt der vorgesehenen 55 km. Die Wirtin hatte uns schon informiert, dass wir infolge eines Buchungsfehlers mit einem kleineren Zimmer vorlieb nehmen müssen, aber das Haus ist schön, die Wirtsleute sehr nett und der Tip für´s Abendessen im Restaurant eines australischen Ehepaares ist Gold wert.

14. und letzter Tag 29.07.06

Manningtree – London Upminster Tube Station

Wir haben uns vorgenommen, nicht mehr durch London zu fahren, den Straßenverkehr müssen wir uns nicht antun. Unsere Erfahrungen auf der Strecke dahin geben uns recht. Wir müssen praktisch die gesamte Zeit auf normalen und z.T. Schnellstraßen fahren und das Wochenende sorgt dafür, dass auch viele Autos unterwegs sind. Colchester beschauen wir uns noch etwas näher, denn es gibt wieder ein schönes Castle zu bewundern.

 

Ansonsten haben wir heute auch für Schleswig-Holsteiner starken Gegenwind aus Südwesten, der uns richtig zu schaffen macht, weil wir den ganzen Tag gegenan fahren müssen. Nachmittags überlegen wir sogar, ob wir es zeitlich einigermaßen bis London schaffen, aber nach einem kleinen Lunch in einem Pub mit Biergarten sieht die Welt schon wieder etwas heller aus. Es hat auch keinen Sinn, dass wir uns in der Führungsarbeit ablösen, Waltraut hat in Führungsposition ständig das Gefühl, getrieben zu werden und fährt dann für unsere Verhältnisse zu schnell. Nach 96 km haben wir es dann geschafft, die U-Bahn erlöst uns an diesem Tag von unseren „Leiden“. Nach 90 Minuten und 40 Stationen sind wir bei Alexander und Fatima, die uns mit einem hervorragenden Abendessen bekochen.

Zusammenfassung:

1263 anstrengende, aber vor allen Dingen schöne und interessante Kilometer liegen hinter uns. Wir haben viel von Schottland und England gesehen. Die positivsten Erlebnisse für uns waren die Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft, die uns praktisch täglich entgegengebracht wurden. Ein besonders herzliches Dankeschön geht an unsere Schwiegertochter Fatima, die uns so wunderschöne Unterkünfte vorgebucht hat. Karten und Wege waren durchweg positiv, Kleinigkeiten wird man immer bemängeln können. Die Unterkünfte waren nicht billig, aber Großbritannien hat bezüglich der Unterkünfte und Hotels ein sehr hohes Preisniveau. Wenn man Dusche und WC nicht auf der Etage oder sonst wo haben will, muss man mit Übernachtungskosten von 50 – 60 ₤ pro Nacht für das Doppelzimmer mit englischem Frühstück rechnen. Alle Unterkünfte waren in einwandfreiem Zustand und wir sind überall nett und liebenswürdig empfangen worden. Der von uns etwas gefürchtete Linksverkehr hat sich nicht als großes Problem dargestellt. Nach den ersten 100 Kreisverkehren wussten wir, in welche Richtung wir zu schauen hatten und wo wir hinfahren mussten.